Kulturpflanzenausgleich
Der kaum gewischte Tisch in dieser Stube war mit Samen übersät. Um den Kreis der distinguierten, noblen exaltierten, die sich vornehm separierten, weshalb sie sich in Schale geworfen hatten, fand man schmale Kapitälchen auf dem Schälchen: "SÄENSWÜRDIGKEITEN".

Ein Säman ging nicht aufs Feld, um zu säen. Er sprach indes zum Samenkorn: "Ich kann Dich nicht säen!". Das Samenkorn fragte, ob er wohl einen Säbehelf benötige - einen Sehbehelf, um zu sehen, was er sät. Der Landwirt verneinte: "Ich säe in die Furche, seh' die Rille immerhin noch ohne Brille. Meine Sehnsucht ist groß - ich bin verzagt! Die Säenssucht nagt! Und ich darf Dich nicht säen, weil ich am Kulturpflanzenausgleich teilgenommen habe. So leg' ich brach nun meine Felder. Man bezahlt mich, gibt mir Gelder.". "Wüüst mi pflanzen?", sprach das Samenkorn. "Ich will - doch wenn ich's tu', bin ich verlor'n! Die hau'n mir meinen Antrag um die Ohr'n! Ich bin doch schon im Ausgleich - im Kulturpflanzenausgleich. Wenn es nach Dir geht, bin ich demnächst im Konkurs!". Der Same höhnte, dass es dröhnte, und er tönte: "Sämann, lass das Träumen...!".

Zur Kultur muss man die Menschen pflanzen - zum Ausgleich ihrer gedanklichen Sesshaftigkeit. Wer längst schon Zwiderwurzeln schlug, soll wieder Wurzeln schlagen. Mit flatterndem Wurzelschlag erhebt ein Mensch sich spät - aber doch - aus seinem Beet.

Anmerkung des Verfassers: Der Kulturpflanzenausgleich war eine landwirtschaftliche Fördermaßnahme der europäischen Union, welche die Stilllegung eines bestimmten Flächenanteiles für eine förderwürdige Erzeugung von Kulturpflanzen (ausgenommen Kleinerzeuger) vorsah. Der besagte Sämann ist demnach wohl kein Kleinerzeuger.