Mein Leben im Hamsterrat - kleine Betrachtung über ein sauhäufiges Problem
Mein Vater liebte alte Schachteln. Bisweilen trat meine Mutter triumphierend vor ihn hin, um mit Eifer zu verkünden, dass sie nun aber WIRKLICH eine Schachtel gefunden habe, die der Lagerung nicht würdig sei - unansehnlich und zerknautscht und außerdem auch gar nicht praktikabel. Sein Antlitz verfinsterte sich, als schienen Fäden der Geduld zu reißen und die dunkle Miene zu verheißen, dass er jäh zornig aufstampfen würde wie weiland Gerümpelstilzchen und aus voller Kehle kreischen: "Das hat dir der Teufel gesagt!". Indes behielt mein Vater seine Fassung. Und die alte Schachtel, die behielt er auch.

Doch selbst dem guten Besitzfleisch meines Vaters hielt die Ehe stand. Mit allzu gutem Besitzfleisch verbindet man hingegen ein ganz bestimmtes Ungetüm: den grimmigen Drachen auf seiner Schatztruhe, das Monster von Loch Mess - Kurzform: Messie.

Während der Drache aber ein Fabelwesen ist, zählt der Messie zu den Faiblewesen. Er hat durchaus ein Faible für ehemals Zweckdienliches, denn die Schachtel hatte ja ursprünglich einen Zweck - einen äußerst verständlichen sogar. Hatte. Man könnte auch sagen: Er hat eine Vorliebe für Müll.

Das Sammeln ist des Müllers Lust,
Das Sammeln!

Tatsächlich gibt es eine sprachliche Verwandtschaft zwischen dem Müll und der Tätigkeit des Mahlens, deren Resultat er eigentlich bedeutet. In seiner nicht umgelauteten Ausprägung kennen wir ihn heute bestenfalls als Torfmull. Hingegen wird die Mullbinde nach ihrem Gebrauch zur Müllbinde, falls man sich an die Binde nicht bindet.

Doch der Messie ist auf keinen Fall besitzergreifend. Wieviele Menschen haben ihm schon geraten, seinen Besitz zu ergreifen und den Großteil zu entsorgen? Als ob er das wollte! Als ob er auch nur ein Ding, ein einziges Ding entbehren könnte! "Mein Schaaaa-aatz!" krächzt er mit Gollum im Duett. Ein Ding, sie zu knechten...

Er besitzt vielleicht eine ganze Müll-Tonne und wirft sie niemals in die Mülltonne, denn der Messie verbindet ein Gefühl mit dem Müll, das zu seinem Teil geworden ist, an dem er hängt und den er am liebsten nie wieder verlieren möchte.

Das Sammeln ist des Fühlers Lust,
Das Sammeln!
Das muß ein schlechter Fühler sein,
Dem niemals fiel das Sammeln ein,
Das Sammeln.

Und dabei geht er so weit, dass er die Gefühle selbst schon sammelt - Gefühle der Befangenheit aus der tiefsten Vergangenheit, Gefühle der Winzigkeit, als er ehemals klein war, Gefühle der Unterlegenheit, als er nicht so stark wie heute war, Gefühle der Angst, als es den Großen noch gelang, ihn einzuschüchtern. "Wirf sie weg!" sagt man ihm nüchtern, "Gefühle sind's, die nicht mehr passen können - wie die alten Hosen aus der Kindheit.". Wird er sich von ihnen trennen? Dies wäre ein Verzicht... oh nein, den wagt er nicht!

Das bange Herz mutiert ihm unbemerkt zur Fühlhalde, und sogar die eiskalte Logik ist davor recht mies gefeit, dass ihre Konklusionen vermüllen und aus schlecht bewiesenen Ratschlüssen Hamsterratschlüsse werden, die auf der zerebralen Kalkülhalde verstauben. Wer nicht zuende denken will oder kann, der sammelt eben die unfertigen Gedanken, vergisst gespinstbeflissen just den Rest, der ihnen fehlt, und hält an einem Denken fest, das sich glänzend widerlegen lässt. Ich habe mir meine Meinung bereits gebildet. Bitte verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen! Es ist meine tiefste Überzeugung...

Wie kann man denn bitte von etwas überzeugt sein? So, wie man eine Seife überfettet? Wie man Bilder übermalt? Wie man Gegner übermannt und Häuser überflutet? "Ich bin von meinem Unrat überzeugt" muss offensichtlich heißen, dass ich in meinem Zeug versinke. Auch staut sich Kram im Denken an. Das ist meine tiefste Überzeugung!

Wann kommt der Tag, an dem wir armen Tröpfe dann entrümpeln werden die verstopften Köpfe? Wann schreiten wir zur Tat? Es gilt im Geist wie schon auf Erden meist: Wer hat, der hat. Kommt Zeit, kommt Unrat.

Messie sein ist eine Qual, doch am besten digital. Es ist zum Saustall nur aus Daten noch am ehesten zu raten, deren Paten auf lateinisch klingen "data", denn es sind die gegebenen Dinge. Wo sind die genommenen? Sie müssten Kapten heißen, aus dem RAM und von der Platte reißen, damit sie fort und wir sie missen, die am Speicherort noch Daten hießen, als wir sie dort hinterließen. Wie wir aus dem Sprichwort wissen, Geben ist seliger denn Nehmen.

Und damit kann man keinen Messie zähmen, spricht man diesen Satz. Guter Unrat ist teuer, denn er kostet Platz. Eng ist das Gemäuer, doch je neuer unsere Hardware ist und je mehr man sie in Terabytes bemisst, desto zahmer wird der Zwang, noch etwas auszumisten. Man muss die Daten nicht entfernen. Wer sie braucht, steht in den Sternen. Vor sich hin lässt man sie dümpeln und kann getrost verlernen, zu entrümpeln.

Apropos Daten: Wenn ein bekennender Messie mit dem Brustton der Überzeugung spräche "Ein halbes Jährchen lasst mich hamstern, und dann werde ich endlich aufräumen.", wer würde ihm noch Glauben schenken? Doch muss ich an den Staat nun denken und sein Bemühen der Vorratsdatenspeicherung, denn als fetter Faulpelz, der ich bin, wäre mir die Vorratstatenspeicherung mithin die nettere Bereicherung. Der Messias heißt französisch "Le Messie", doch der Staat ist mehr ein Messie-As. Und er labt sich am Prinzip der "Data retention". And he shall retain for ever and ever...

Abgesehen von dieser Sache: Wie ist das mit der Sprache? Kann man dort ein Messie sein? Nun, ich bin ein Wortschatzmaximierer, sintemal... da... weil... zumal... ich vier verschiedene Wörter kenne für das kleine Wörtchen "weil". Denn als Dichter tritt man sich die Wörter ein wie Reißnägel, und man wird sie einfach nicht mehr los. Alleine, wenn ich der Namen des Nutzlosen gedenke! Bei noch halbwegs flüchtiger Betrachtung sind es zweiundzwanzig an der Zahl: Abfall, Gerümpel, Glump, auch Glumpert, Graffel, satt verstärkt zum Graffelwerk, Kram, Krempel, Mist, Müll, Plunder, Pofel, Ramsch, Schmonzes, Schrott, Schund, Tand, Tinnef, Trödel, Unrat, Zeug und Zeugs.

Fürwahr, ich bin ein Wortschatzmaximierer. Hab' ich erst ein Wort gelernt, so geb' ich's nimmer her. Und es drängt mich aber sehr, mir immer neue zu entdecken. Oh, wie drängt's mich mehr und mehr! Mein Schaaaaa-atz! My pressures! Vergess' ich eins, bin ich bedrückt, doch find' ich eins, bin ich entzückt.

Hiermit sollte nun klar sein, dass ich ein lexikalischer Messie bin - aber eigentlich wollte ich darüber kein Wort verlieren.