Über die Achtsamkeit
Mit meinem Rücken zum Fenster erblicke ich das Bild. Wie geht es mir? Es ist ein gelbes Bild von einer Pflanze. Mir geht es gut. Ich spüre diese Leichtigkeit. Die Kälte des Winters schmiegt sich sanft an meinen Rücken. Ich sehe violette Blütenblätter an der grünen Pflanze dieses Bildes. Ich friere nicht, denn hier im Zimmer ist es warm.

Wie oft habe ich dieses Fenster schon geschlossen? Wie oft aber habe ich mich auch umgedreht? Wie oft habe ich von hier aus in den Raum gespäht? Das tue ich jetzt - und lieber viel zu spät als nie...

Ich spüre den hölzernen Boden unter meinen Füßen. Links fühlt er sich anders an als rechts. Mein linkes Bein ist etwas kürzer. Und ich spüre meine Hüttenschuhe. Ihnen fehlt der Schuhausgleich natürlich. Und am weißen Vorhang tasten meine Hände. Seine Fäden sind weiß, und er selbst ist halbdurchsichtig. Das ist mir bewusst, als meine Finger über das blumengemusterte Relief aus ungezählten Löchern gleiten.

Ich bin mit Haut und Haar im Augenblick. Ja, mein Haar. Mir fällt gerade auf, wie es sich an meinen Hinterkopf schmiegt. Ich vernehme das Surren des elektrischen Heizlüfters. Der Luftstrom des Atems bricht sich in den Tiefen meiner Nase, die ich vielleicht wieder schnäuzen müsste. Brausend klingt es, zärtlich dunkel, wenn die Ohrtrompeten meinen Hörnerven nun vom Ausatmen munkeln.

Vor mir sehe ich das Bett, in dem meine Mutter einst geschlafen hatte. Meine Mutter ist nicht hier. Doch ich bin hier, denn ich lebe. Und ich denke daran, als ich die kunstvoll mit kleinen bunten Steinchen aufgefüllten Parfumflaschen neben mir erkenne. Sie stehen im oberen der beiden Fächer eines großen Schrankes ganz aus Holz. Es sind fünf an der Zahl. Sie stehen um das kleine Bild herum - um mein Bild. Und es ist lange her, denn auf dem Foto bin ich siebzehn.

Meine Schritte tragen mich vom Fenster weg. Sie führen mich durch den beigen hochbetagten Türrahmen in die alte L-förmige Küche. An den Rissen seines Lackes fühle ich die Kühle - sanft und zärtlich. Unaufdringlich irgendwie. Der Ofen surrt auf Stufe zwei. Ich habe nämlich keine Zentralheizung. Er bewacht hier diesen übergang zur Kälte. Mit seinem glühenden Eifer bläst er ihr den Marsch - mein getreuer Heizlüfter. Ich bücke mich, dann kann ich's lesen. Auf dem Gehäuse steht in kleinen Lettern nur ein Wort: KOENIG. Der König der Lüfter.

Meine Miene nimmt ein Lächeln in Besitz. Mir geht es gut, indem ich hier im Augenblick - eben hier in diesem Augenblick... bin ich. Und ich bin auch ein Lüfter. Ich belüfte meine Lungen. Weiters weiß ich, was ich fühle. Mein Herz hat Ruhe hier, denn ich weiß genau, wie ich mich fühle. Ich weiß es wieder besser jetzt - umso deutlicher und klarer. Und ich weiß, was ich sehe. Außerdem weiß ich, was ich denke. Und ich weiß auch, was ich höre. Siehe da: Jetzt weiß ich's! Und ich kann darin so klar erkennen, wer ich bin. Im Hier und Jetzt, da weiß ich's. Die Begründung kann ich nennen: Denn ich bin.

Aus jeder Achtsamkeit fließt Demut. Wenn man diese spirituellen Momente durchlebt, dann weiß man vieles, wie gesagt, nur das eine nicht: Wer ist hier der Spiritus? Ist es wirklich wichtig, dies zu fragen? Und ich sage: Nein. Wer achtsam ist, befindet sich im Fluss. Ja, in der Tat, da fällt mir ein: Das könnte ich den Menschen beibringen.

Ich bin der Fluss.
Ich bin ein Bach, der stetig plätschert.
Wie die Quelle, die munter sprudelt, bin ich der Fluss, der nicht ruht.
Ich bin der See, in dem alles ist, dem nichts fehlt, und dem der Fluss entnimmt, was er ihm gibt.
Ich bin der Fluss.
Indem der erste Tropfen auf ihn fällt, entrinnt mein Geist der Trockenheit.
Dann bin ich dieser Fluss - in mir und durch mich, an allen Orten der Welt zum Wohle und zum Trotz.
Ich bin der Fluss.